Philosophischer Rabatz

Anthony Appiah: The lies that bind. Rethinking identity.

Anthony Appiah: The lies that bind. Rethinking identity.

In sum, identities come, first, with labels and ideas about why and to whom they should be applied. Second, your identity shapes your thoughts about how you should behave; and, third, it affects the way other people treat you. – Anthony Appiah

Kurzübersicht

*Worum geht es?*Appiah beschreibt, wie Identität(en) entstehen, welche Risiken und Nutzen sie haben und wo unsere Zuschreibungen fehlschlagen.

Du solltest dieses Buch lesen, wenn…… Du gerne sagst: „So sind die eben, die XY!“

Das sagt Sebastian:

Anthony Appiah ist eine anerkannte Persönlichkeit der zeitgenössischen Philosophie. Auf sein neustes Buch „The Lies that Bind. Rethinking Identity“ bin ich das erste Mal in einem Seminar zu Sozialen Kategorien aufmerksam geworden. Das Buch habe ich mir allerdings aus einem anderen Grund gekauft: mir gefiel das Cover. Vor wenigen Wochen ist die deutsche Übersetzung von „Identity“ erschienen. Sie heißt „Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit.“ und kostet 24€.

Im Englischen umfasst es sechs Kapitel: Classification, Crew, Country, Color, Class und Culture. Appiah schreibt darüber, wie wir einander Identitäten zuschreiben, welchen Wert das haben kann und wieso es so etwas wie eine im antiken Griechenland beginnende, verbindende europäische Idee nicht gibt.

Insbesondere das erste Kapitel, Classification, habe ich als sehr erhellend empfunden. Appiah beschreibt, dass wir einander permanent „Labels“ anheften, die wir auf Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen zurückführen. Studierende, PoC, Schalke-Fans. Mehr noch: wir geben diese Labels als Grund für unsere Handlungen an. „Weil ich XY bin, sollte ich in so und so handeln.“ So erhalten Zuschreibungen normative Bedeutung.

Nun haben wir alle viele (Teil-)Identitäten, die komplexen Beziehungen zueinander stehen, sodass wir mehr als die Summe dieser Teile sind. Unter anderem diese Idee drückt der Begriff Intersektionalität nach Kimberly Crenshaw aus.

Unsere Identität(en) beeinflussen unsere Erlebnisse in der (sozialen) Welt. Weil die Zusammensetzung so wichtig ist, hat niemand einzig durch seine (Teil-)Identität das Recht, für alle Menschen dieser (Teil-)Identität zu sprechen.

Identität und selbsterfüllende Prophezeiungen

Einen weiteren AHA-Moment verdanke ich diesem ersten Kapitel. Wie kommt es, dass wir Menschen schnell Gruppen zuordnen und mit diesen Gruppen bestimmte Eigenschaften verbinden? Wenn wir denken oder sagen „So sind die eben“, dann beziehen wir uns damit implizit auf die Vorstellung, dass es so etwas wie eine Essenz gibt, die alle Mitglieder einer bestimmten Gruppe teilen. Appiah zeigt nun anhand von Forschungsergebnissen, dass wir als Menschen solche Zuschreibungen besonders schnell machen, wenn es sich um negative Eigenschaften handelt. Und schlimmer noch: zunächst wird konstruieren diese Vorstellung von anderen in unseren Köpfen. Doch diese übernehmen die Fremdzuschreibung. Unser Labelling bewirkt, dass sich Mitglieder von Gruppen so verhalten, wie wir es ihnen zuschreiben – eine Art selbsterfüllender Prophezeiung. Wie genau das funktioniert, wäre einen eigenen Blogeintrag wert.

Bis es soweit ist, empfehle ich euch die Lektüre von Appiahs Buch. Tipp: Das englische Taschenbuch bekommt ihr ab 10€!

Wenn ihr noch eine Entscheidungshilfe braucht, lest doch das im September geführte Interview der ZEIT oder hört ihm zu, wie er beim Chicago Humanitäres Festival über sein Buch spricht:

https://www.youtube.com/watch?v=Sfkl98599w4